Dienstag, 28. April 2020

Drewitzer See


Drewitz, Kilometer 0, 1353 Tief in den Wäldern Mecklenburgs entsteht ein Dorf. Sein Name stammt vom slawischen Wort drewo. Das bedeutet Holz. Den Namen Drewitz könnte man also mit Holzhausen übersetzen. Er passt perfekt. Die Drewitzer haben seit Jahrhunderten jede Menge Holz vor der Hütte.


1765 Das Dorf besteht aus einem Gutshaus, ringsherum einige Äcker. Die Drewitzer wohnen nicht mehr direkt am See, sondern noch tiefer im Wald. Lassen wir den See lieber in Ruhe - das ist nicht nur das Motto des Dorfes, sondern auch des Rundwegs um diesen geheimen See.

1900 Weil der Boden zu leicht für die Landwirtschaft ist, werden alle verbliebenen Äcker aufgeforstet. Es leben nur noch 80 Menschen in Drewitz, die beim Forsthof oder der Försterei arbeiten. Ihr Motto lautet: Ich und mein Holz!

2020 Heute wohnen hier mehrere fröhliche Familien, deren Kinder lautstark im Garten spielen. Auf einem Gehöft ist eine umfangreiche Bobbycar-Sammlung zu sehen.

09:55 Wir kommen in Drewitz an und suchen den Geheimsee.


10:03 Der Weg führt uns nach Süden durch einen Moos- und Märchenwald voller Nadelbäume. Einige davon haben seltsame Formen. Es ist ein Wald, wie er auch direkt am Strand wachsen könnte. Horch, rauscht da nicht die Ostsee? Nein, es ist nur der Wind in den Bäumen. Die helle Sonne wirft Schattenstreifen auf den Asphalt. Diese Wunderlandschaft nennt sich Nossentiner Heide.
Schmale asphaltierte Straßen führen durch das Gehölz. Alle 20 bis 30 Minuten taucht mal ein Auto auf. Ab und zu ist eine (ganz oder teilweise) abgeholzte Fläche zu sehen. Ob hier der Borkenkäfer aktiv war?

10:04 Drei Hirschkühe laufen durch das Unterholz.

10:05 Wir machen einen Abstecher nach rechts. Er führt am 75 Meter hohen Eichberg vorbei. Dennoch bemerken wir keinerlei Steigung.


10:08 Wir erreichen ein großes Tor. Für Autos ist es verschlossen, doch für alle anderen führt ein Pfad an der Seite vorbei. Dahinter erheben sich weiße Ferienhäuser.


1962 Der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker hat einen seiner Jagdsitze in einem wunderschönen weißen reetgedeckten Haus direkt am See. Sogar eine Jagdkutsche gehört dazu. Wenn besonders viele Wachleute am Tor standen, wussten die Drewitzer: Honni ist da. Allzu oft war er aber nicht hier. Rund um seinen Landsitz durfte man keine Pilze suchen.
Erich lebte wie ein Graf im Mittelalter und nicht wie das Oberhaupt eines Landes, in dem man zumindest so tat, als seien alle Menschen gleich.

2020 Heute gehört das Gelände einem internationalen, kapitalistischen Großkonzern aus den Niederlanden. (Wenn das der Honni wüsste...) Van der Valk betreibt hier ein Ferienresort.


10:19 Wir sind wieder am Hauptweg. Der macht einen weiten Bogen nach Osten. Am See verlaufen keine Wege.

10:37 Wir biegen rechts ab. Eine Schneise verläuft durch den Wald. Ist die extra für die Stromleitung entstanden oder stand hier die Mauer um Honeckers Privatwald? (Ja, eine solche gab es.)


10:50, Nossentiner Hütte, Kilometer 7,4 Wir durchqueren ein Dorf aus blassgrünen Häusern und einer neuen rechteckigen Kirche ohne richtigen Turm. Dort biegen wir auf die Hauptstraße ab.

6. Klasse In einem der blassgrünen Häuser verbringe ich eine Klassenfahrt, während der wir überwiegend in der Kirche musizieren und frieren.


10:53 Laut Karte sollten wir an der Hauptstraße bleiben. Wir wollen aber endlich richtig zum See und fahren nach rechts. Wieso verläuft der Rundweg nicht dort?

11:18 Ah, deswegen: Der Weg ist total sandig und schlecht befahrbar. Außerdem sind wir nicht ganz sicher, welcher Weg der richtige ist.

11:28 Wir finden ein bezauberndes Stückchen Strand, das wir ganz für uns haben. Irgendwo in der Ferne sonnt sich ein nackter Mann.

11:39 Ich wate in den See hinein. Er soll der klarste See Mecklenburgs sein. Eine Weile ist er tatsächlich sehr hell, klar und flach. An seinem Ufer wächst trockenes Kitzelschilf.

11:42 Ein Schwarm dunkelgrüner Fische von etwa 5 Millimeter Länge schwärmt an mir vorbei. Ich kann mich nicht erinnern, in einem deutschen Gewässer je so viele Fische gesehen zu haben.

11:44 Plötzlich wird das Wasser etwa zehn Meter tiefer, zehn Grad kälter und zehn Farbstufen dunkler, am Grund wachsen Algen. Der See ist bis zu 32 Meter tief. Dort unten ist er mit dem Grundwasser verbunden, das eine Menge Kalk beimischt. Ansonsten hat er keinerlei Verbindung zu anderen Gewässern.
Der Drewitzer See hat die Form mehrerer verbundener Blasen, die zusammen etwa 7,5 Kilometer lang sind.


12:30 Das 5-Gänge-Menü von Campingkocher ist fertig: Nudeln, Kakao, Pudding, Erbsensuppe und Tee.


100 000 v. Chr. In der letzten Eiszeit formt eine Schmelzwasserrinne das Becken für den heutigen See. Das Wasser transportiert eine Menge Sand und Findlinge. Das geschah überall in Mecklenburg, aber hier ist so viel Sand angekommen, dass die Hügel offiziell als Dünen bezeichnet werden.

3000 v. Chr. Die Jungsteinzeitmenschen errichten aus den Findlingen ein Hügelgrab. Dazu nehmen sie fünf sehr große Steine und hängen jeden davon über ein paar kleinere. Zwei davon hängen dort heute noch ab, die andere liegen inzwischen auf dem Boden. Wie die Menschen das wohl gebaut haben? Vermutlich haben sie erst die Steine platziert und dann die Erde darunter weggebuddelt.


14:31, Sparow (pardon, Captain Jack Sparow), Kilometer 12 Wir gelangen wieder zur Hauptstraße. Die Häuser von Sparow scheinen alle halb in kleine Hügel eingegraben zu sein. In einem dieser Hügelhütten liegt ein Teerschwelerhof, darin wurde Teer produziert. Kein Wunder, dass wir ab jetzt auf geteerten Wegen fahren und den Sand hinter uns lassen.


14:33 Der Radweg an der Hauptstraße führt rasant bergab. Unten erwartet uns ein steinernes Kreuz mit ungewisser Vergangenheit.

ca. 1800, erste Version Sparow hat keine Kirche. Die Sparower müssen zum Gottesdienst immer nach Alt Schwerin laufen. Als Wegmarke dient ein Kreuz aus Granit.

ca. 1800, alternative Version Ein Räuber erschlägt einen Bauern, der aus Alt Schwerin zurückkehrt. In seinem Sack ist aber kein Geld, sondern nur frische Butter. Als Strafe soll der Mörder an der Stelle das Butterkreuz errichten.


14:38, Alt Schwerin, Kilometer 13,8 Auf der anderen Seite der Autobahn liegt die größte Ortschaft am Drewitzer See: Alt Schwerin. Er wird deshalb auch manchmal Alt Schweriner See genannt. Dahinter ist auch schon der nächste See zu erahnen, der Plauer See.
Alt Schwerin war schon immer sehr gut aufgestellt für ein Dorf in dieser abgelegenen Gegend. Es hatte zum Beispiel schon lange einen Bahnhof, der bis heute angefahren wird. Heute lebt die Seenplatte vom Tourismus, und Alt Schwerin hat sich mit einem Haufen Familienmuseen perfekt daran angepasst. Derzeit sind die alle geschlossen. Das Agroneum, ein Freilichtmuseuem zur Landwirtschaft, ist schon über die Autobahn sehr gut zu erkennen. Wer den Rest des Ortes sehen will, muss die Brücke überqueren.


1904 Der Kasten auf der rechten Seite wird errichtet. Er heißt Schnitterkaserne. Dort wohnt nicht etwa Gevatter Tod, sondern Saisonarbeiter aus Polen und der Ukraine.

1962 Die DDR richtet darin ein marxistisches Agrarmuseum ein, die Keimzelle des heutigen Agroneums. Das ursprüngliche Museum ist im Prinzip noch in Betrieb - nur dass heute die Einrichtung und die sozialistischen Texte des Museums selbst einen musealen Wert haben. Also quasi ein Museum hoch zwei.


1848 Ein Bauernhaus wird zur Dorfschule. Für das Schulwesen ist der geizige Gutsherr zuständig. Der Lehrer benötigt noch zwei Nebenjobs (Bauer und Küster), um über die Runden zu kommen.

14:40 Die Dorfschule ist heute ein Schulmuseuem. "Fahr mal rüber und guck durch die Fenster, das ist so schön da!", wird mir geraten.

14:59 Ähm, ja. Hinter den Fenstern sehe ich wunderschöne, strahlend weiße Rollos. Toll, dass die Kinder damals trotz der finanziellen Knappheit so schöne Rollos hatten!


15:06 Die Straße führt zwischen Autobahn und See entlang. Ab Alt Schwerin müssen wir immer nur geradeaus.


15:11 Ab durch den Wald, ein paar Meter entfernt rauscht die A19.

15:22 Immer noch Wald.

15:33 Was soll ich sagen? Wald.

15:35 Links ist der Kleine Dreiersee zu sehen. Hier befindet sich eine weitere Ferienanlage.


15:36 Der Weg wird unbefestigt. Macht nichts, der ist trotzdem viel besser befahrbar als die wilden Sandwege auf der anderen Seite.

ca. 1700, Ortkrug, Kilometer 21,8 Reisen mit dem Pferdefuhrwerk auf miesen Sandstraßen ist nervig und langsam. Um so wichtiger, dass es in regelmäßigen Abständen Krüge, also Unterkünfte, gibt. Alle Reisenden freuen sich, wenn sie am nördlichen Ende (plattdeutsch dat enn) des Drewitzer Sees ankommen und etwas zu essen bekommen. Das Wort Ort bedeutet ursprünglich auch so viel wie Ende, deshalb heißt der hier Ortkrug. Zu essen gibt es vor allem Fisch, denn der Ortkrug ist an einem kleinen Fischerdorf entstanden.

15:44 Ein Gasthaus gibt's an der Nordspitze des Sees nicht mehr, aber es stehen ein paar Häuser am Ufer. Das ist an diesem See so selten, dass man es schon mal erwähnen muss.
Außerdem erstreckt sich hier der Großsteingarten. Er enthält, nun ja, große Steine. Der große ganz vorn ist ein 1,5 Tonnen schwerer intermediärer Granatgneis. Das kann ich auf dem Schild gerade noch so entziffern.


15:46 Die Namen der übrigen Steine bleiben ein Rätsel. Die Schilder sind nicht sehr auskunftsfreudig.


16:05 Die Straße wird wieder asphaltiert. Noch zweimal rechts abbiegen, dann sind wir wieder am Startpunkt.

16:19 Am Wegesrand erhebt sich eine Ameisen-Agglomeration. Ungefähr zehn Ameisenhügel stehen auf einer Strecke von 100 Metern. So viele habe ich noch nie auf einmal gesehen. Es handelt sich dabei um diese wirklich großen, schwarzen Waldameisen.


16:36 Drewitz, Kilometer 26 Schon haben wir das Ziel erreicht. Es ist ja auch der kürzeste der Mecklenburger Seenradwege. Wer kennt ihn schon, diesen Minisee im Herzen der Seenplatte, verborgen irgendwo zwischen der großen Müritz, dem Plauer See und der A19, mittendrin und doch so abgelegen? Auf Google Maps hat er nur eine Bewertung, die sich beschwert, man würde auf dem Rundweg nur durch den Wald fahren. Dabei bietet der kleine klare Geheimsee doch erstaunlich viel.

Sonntag, 29. März 2020

Seeburger See

März 2020 Die Blumen sprießen, die Sonne kommt heraus und der Frühling zeigt sich. Was macht man da? Richtig, zu Hause bleiben, denn Corona sagt nein.
Sport draußen ist erlaubt, aber die Bahn bittet, auf tagestouristische Aktivitäten zu verzichten und die Übernachtungsbetriebe haben zu. Auch wildes Zelten wird gerade vermutlich nicht gern gesehen. Für uns Radreisende heißt das: Wir können uns nur eine halbe Tagesetappe von zu Hause entfernen. Zum Glück haben wir ein neues Ziel in diesem Radius gefunden: Den Seeburger See. Man nennt ihn auch das Auge des Eichsfelds.
(Dieses Bild entstand auf der Mackenröder Spitze im Göttinger Stadtwald, im Hintergrund erhebt sich der Harz.)

8000 v. Chr. Unter der Erde löst sich ein Salzsteinlager aus der Zechsteinzeit auf, das Wasser transportiert das Salz ab. So entsteht ein Hohlraum, der einstürzt und sich mit Wasser füllt. Fertig ist der See! Das Wasser kommt aus dem Flüsschen Aue, das durch den See fließt. (Die Aue fließt dann wieder aus dem See raus und über die Suhle, die Hahle und die Rhume in die Leine.)


1958 Heinz Ehrhard dreht hier eine Filmszene.

1973 Der See und ein großer Teil des Ufers werden Naturschutzgebiet. Im Naturfreibad darf man nach wie vor baden (außer Corona sagt nein), auch Segeln bleibt in bestimmten Bereichen erlaubt.


2007 Die Aale im See sterben massenhaft. Die Landwirtschaft leitet nämlich zu viele Nährstoffe ins Flüsschen Aue, die in den See gelangen. So blühen die Blaualgen und es sterben die Fische.

2014 Das ist nicht das einzige Problem: Der Schlamm und die Nährstoffe aus der Landwirtschaft lassen den See verlanden. Um das zumindest zu verlangsamen, werden Querriegel und Rückhaltebecken installiert.

2020 Wir fahren schnell zum See, bevor er komplett verlandet.

11:10 Wir brechen auf. Die Fahrt zum See ist mit ca. 20 Kilometern weitaus länger als der See-Rundweg. Wir folgen Landstraßen, die teilweise von Radwegen begleitet werden. Der Gegenwind verlängert die Fahrt um eine Stunde.

13:45, Seeburg Wir erreichen Seeburg am Seeburger See. Es besteht aus weißen Dorfhäuschen (ein paar mit Fachwerk), braunen Kühen und einer Kirche. Ein düsterer Schieferturm (also nicht schief, sondern mit Schiefer gedeckt) ragt empor. Die Steine sind ebenso rotbraun wie die Felsformationen, an denen wir auf dem Hinweg vorbeigekommen sind. Damals wurde eben noch Baumaterial aus der Region verwendet.


13:53 Wir wenden uns nach rechts und umrunden zuerst die südliche Hälfte.

13:54 Da ist ja der See! Und dort steht eine Bank, ideal für eine Mittagspause. Da jedes Restaurant geschlossen ist, kümmern wir uns selbst um unsere Versorgung. Bereits mit dem vierten Streichholz bringen wir den Campingkocher in Gang und erwärmen uns die berühmte Göttinger Indonesia-Suppe mit dem Slogan Dafür stehen Sie sogar nachts auf!

14:37 Mittagspause erfolgreich abgeschlossen, es geht weiter. Der See (das Auge des Eichsfelds) ist rundherum mit beigefarbenem Schilf bewachsen (den Wimpern des Eichsfelds). Wir fahren auf einer wunderbaren Allee (den Augenbrauen des Eichsfelds) für Radler und Fußgänger. Letzteren müssen wir ab und zu ausweichen - natürlich mit 1,5 Meter Abstand.


14:45, Bernshausen Wir passieren den anderen Ort am Seeburger See. Der Weg verläuft zwischen kleinen Tierweiden hindurch. Dort fließt die Aue wieder aus dem See heraus.


14:48 Zu unserer Linken befindet sich der hochfrequentierte Segelclub von Bernshausen. Auf der Wiese ist genau ein Segelboot zu sehen.


14:49 Wir durchqueren einen pieksigen Pflanzentunnel.


14:54 Wir fahren nun entlang der Straße und nähern uns schon dem Ziel. Der See-Rundweg ist nur ca. 5 Kilometer lang. Der See ist auch nur 1,2 Kilometer breit und maximal 3,5 Meter tief. Damit ist schon das größte natürliche Gewässer in Südniedersachsen. Baggerseen gibt es in hier haufenweise, aber natürliche Seen sind Mangelware.


14:59, Seeburg Wir verlassen die Straße wieder. Seeburg begrüßt uns mit modernen Reiterhöfen.

15:03 Zum Schluss sehen wir noch den touristischen Hotspot am Seeufer. Hier fließt die Aue in den See, hier stehen das geschlossene Naturfreibad und ein geschlossenes Restaurant mit grünblauem Dach. Auf den Bänken sitzen einige Leute. Seltsamerweise erklingt aus einem Lautsprecher an der Tür Musik.
Auf dem See schwimmt das Alte Badehaus. Es hat ein schönes Schilfdach. Wie ich dem Schild Rettet das alte Badehaus! entnehme, muss das Alte Badehaus gerettet werden.


15:05 Zum Abschied fahren wir ein Stück auf den See. Ein langer Steg führt auf das Wasser. Die Welt ist blau und friedlich.


15:09 Fazit: Der Seeburger See ist eine wunderschöne Mini-Version vom Steinhuder Meer, auch wenn seine Wasserqualität nicht so gut ist. Die Seen sehen sich nicht nur ähnlich, dort leben und rasten auch zahlreiche Vögel.
Wir entdecken dort eine schneeweiße Ente. Ein Albino, eine besondere Art oder eine Kreuzung mit einem Schwaan? Die Hinweistafeln zu den Vögeln verraten es uns leider nicht.


17:10 Wir sind wieder zu Hause.

Freitag, 27. September 2019

Samstag, 6. April 2019

Steinhuder Meer

Nordwestlich von Hannover liegt das Steinhuder Meer. Das ist der größte See Niedersachsens und der (flächenmäßig) neuntgrößte See Deutschlands, außerdem der größte See Deutschlands, der nicht in Bayern oder MV (den See-Streber-Bundesländern) liegt.
Es fährt kein Zug direkt zum Steinhuder Meer. Die dichtesten Bahnhöfe liegen in Wunstorf und Neustadt am Rübenberge (am Leineradweg). Steinhude ist eigentlich ein Ortsteil von Wunstorf, insofern wäre es logischer, dort zu starten. Aber Google verriet mir, dass der Weg von Neustadt am Rübenberge trotzdem kürzer ist, und noch dazu sehr leicht zu merken. Direkt neben dem Bahnhof verläuft diese Straße, der man einfach nur folgen muss. Innerorts heißt sie Landwehr, danach Moorstraße. Und Moor gibt es dort tatsächlich nicht zu knapp, dazu jede Menge Birken. Beides ist eine passende Einstimmung auf den Steinhuder-Meer-Rundweg.
Die Wurzeln haben dem Radweg eine kuriose Form gegeben. Ein Schild warnte mich vor Radwegschäden, aber ich weiß gar nicht, ob ich das als Schaden bezeichnen würde. Man radelt wie auf einer Mini-Halfpipe immer ganz leicht hin und her und auf und ab. Das bremst zwar, aber irgendwie fühlt es sich auch witzig an.
Rechts erstreckten sich zunächst Baustellen und später große Moorflächen.

In den Fahrradkarten führt eine Variante vom Leineradweg und ebenso eine vom Weserradweg nach Steinhude, denn der See liegt ungefähr in der Mitte zwischen beiden Flüssen. Die Landkarten zeigen aber nicht den Radweg um den ganzen See, sondern nur zu einer Stelle am Ufer in Steinhude. Ich habe mir deshalb einen anderen Weg gesucht. Die Radwegfunktion von Google Maps stellt am Steinhuder Meer alle Wege sehr präzise dar, damit kommt man also gut zurecht. (Es sei denn, das Handy gibt auf halber Strecke plötzlich seinen Geist auf. Grr.)
Nach sechs Kilometern taucht links neben der Moorstraße das Steinhuder Meer auf. Ich wechselte die Straßenseite und fuhr direkt am Ufer entlang. Der Rundweg ist 32 Kilometer lang, das macht mit der Hin- und Rückfahrt also ca. 44 Kilometer.

Zunächst einmal verschaffte ich mir auf einem hölzernen Aussichtsturm einen Überblick. Dann ging ich baden, denn immerhin waren da gerade ein paar nette Sandstrände.
Als ich gefühlt schon fast in der Mitte des Sees stand, war meine Badehose immer noch nicht nass. Das Wasser war einfach zu flach. Also kehrte ich wieder um.
Am Ufer stellte eine ältere Dame die originellste und einfallsreichste Frage, die man jemandem, der im März badet, nur stellen kann: "War das nicht kalt?"
"Nö", sagte ich, "nur zu flach. Der See ist ja schön, aber man kann gar nicht richtig schwimmen."
"Nee, zum Schwimmen war das hier noch nie...", bestätigte sie. Ah ja. Das Steinhuder Meer ist also mehr so ein See zum Gucken.
Und wer sich ein bisschen umguckt, dem springt sofort ein eigentümlicher Berg am anderen Ufer ins Auge. Was es wohl damit auf sich hat? Mal sehen.

Mensch und Natur haben sich den See erstaunlich fair aufgeteilt. Das Nord- und Südufer gehören der Zivilisation. Am West- und Ostufer erstrecken sich Naturschutzgebiete.
Meine Rundfahrt begann am Nordufer. Dort befinden sich die Ortschaften Weißer Berg und Mardorf. Sie bestehen aus Campingplätzen, Strandrestaurants, Segelclubs, Spielplätzen und einer Jugendherberge. Auf den asphaltierten Uferwegen tummelten sich viele Spaziergänger, trotzdem kam ich schnell voran. Das war auch gut so. Ich hatte nämlich morgens verschlafen und so war es inzwischen schon 16 Uhr.

Auf dieser eiszeitlichen Düne wachsen Kiefern.

Nach einer Stunde hatte ich das Nordufer passiert und war schon gespannt auf die Natur am Westufer. Doch statt auf Besonderheiten der Natur stieß ich zunächst auf eine Besonderheit des Vertragsrechts.
Auf einer Weide grasten schottische Galloway-Rinder. Die werden dort bio, nachhaltig und extensiv gehalten. Eine Hinweistafel informierte mich, dass man sich ein solches Rind leasen kann. Dabei begleitet man es von der Aufzucht bis zur Schlachtung.

Die Natur ließ aber auch nicht lange auf sich warten. Am Ostufer erstreckt sich das Naturschutzgebiet der Meerbruchswiesen. Bis etwa 1980 wurde das Moor noch entwässert, damit man Landwirtschaft betreiben kann und die Wassersportler genug Wasser im See haben. Dann wurde die Entwässerung gestoppt und Niedersachsen baute einen Damm, damit trotzdem noch genug Wasser im See bleibt. Nun entsteht langsam wieder ein Moor.

Die Radwege verlaufen an den Naturschutz-Ufern weiter weg vom See. Wer einen Blick auf den See werfen will, kann das aber trotzdem machen. Denn überall am Steinhuder Meer führen Wanderwege und hölzerne Stege zu Aussichtsplattformen am Ufer. Fahrräder sind auf diesen Wegen verboten und müssen vorher abgestellt werden.
Der längste dieser Wege führt durch die Meerbruchswiesen. Unterwegs passiert er zwei Holzhütten, in denen man Vögel beobachten kann. Damit die Vögel das nicht mitkriegen, haben die Hütten keine großen Fenster, sondern nur schmale Öffnungen zum Durchgucken. Dier erste Hütte ist das Rotkehlchen-Haus...

...und die zweite zeigt den Besuchern die Gänsewiese. Dort war tatsächlich einiges los. Hier sind unter anderem Spieß-, Krick-, Knäk- und Löffelenten unterwegs.
Das Steinhuder Meer ist nämlich ein Internationales Vogelschutzgebiet und eine Raststätte für Zugvögel auf dem Weg nach Südafrika. Deswegen dürfen zwischen November und März (also auch noch dann, als ich da war) keine Wasserfahrzeuge auf dem See fahren.

Am Ende des Weges liegt dann wie gesagt noch ein hölzerner Aussichtsturm. Vermutlich gibt es in der Kommunalordnung eine Vorschrift, die besagt, dass am Steinhuder Meer mindestens alle fünf Kilometer solch ein Holzturm stehen muss. Aber ich will mich nicht beschweren, ich mag diese Dinger. Für die anderen muss man auch nicht ganz so weit laufen wie für den hier.

Von oben ist zum Beispiel die Festung Wilhelmstein zu sehen. Die Insel wurde im 18. Jahrhundert von Herzog Wilhelm als Gefängnis angelegt. Sie galt als uneinnehmbar, weil sie nur von Wasser und Moor umgeben war. Das erste deutsche U-Boot sollte sie außerdem verteidigen.
Heute ist sie komplett vom Wasser umschlossen. Man kann mit dem Schiff hinfahren, ein Museum besichtigen und in Gästezimmern übernachten.

Das Dorf Winzlar hatte einen Haufen Hinweistafeln, die mich geradezu verzweifelt zu einem Umweg überreden wollten. Machen Sie einen Abstecher in die Städte Rehburg und Loccum! Fahren Sie auf dem Dino-Radweg! Wir haben da Dino-Fußabdrücke und große Dinosaurierskulpturen!
Ging leider nicht. Es war schon fast 17 Uhr und ich hatte erst die halbe Strecke geschafft.

Hagenburg ist ein biederer Backsteinort am Fuß des weißen Bergs, der mir schon am gegenüberliegenden Ufer aufgefallen ist. Eine Firma namens S+K Kali GmbH baut dort Salze ab, die als Dünger oder Nahrungsergänzungsmittel genutzt werden. Mehr konnte ich über eine schnelle Google-Suche nicht in Erfahrung bringen. Ein Jahr später jedoch sollte ich auf dem Werratal-Radweg nähere Bekanntschaft mit diesen Salzen machen.
Damit wären wir nun am Südufer.

Der Rundweg ums Steinhuder Meer ist sehr gut ausgeschildert. Sein Symbol ist ein blauer Klecks

Eine Allee aus Rhododendron...

...führt zum Schloss Hagenburg. Rund um das Schloss zieht sich ein verwinkelter Park.

Wer sich nicht im Park verirren möchte, kann sich das Schloss auch einfach von dieser Brücke aus ansehen. Die Brücke führt unnötig steil hoch und runter, deshalb habe ich mein Rad drübergeschoben. Sie überspannt einen Stichkanal, der Hagenburg mit dem See verbindet.

Der Endspurt nach Steinhude erfolgt auf einem wunderbaren Uferweg. Fuß- und Radweg sind dort getrennt, der Radweg wird außerdem in zwei Spuren für beide Richtungen geteilt.

Steinhude empfing mich mit einem großen Parkplatz und dieser, äh, ist das eine alte Burg? Oder Kirche? Jetzt ist jedenfalls ein Restaurant drin.

Die Steinhuder tun wirklich konsequent so, als hätten sie ein Meer vor ihrer Haustür. Alles sieht richtig maritim aus, mit Restaurants, bei denen Anker und Fischernetze an der Fassade hängen und all so was. Der Ort könnte genau so auch an der Ostseeküste stehen.
Und ich meine: Was macht es schon für einen Unterschied, dass irgendwo hinten am Horizont wieder Land zu sehen ist und nicht unendliches Wasser? Antwort: Es gibt keine Wellen. Aber das ist sicherlich auch nicht allen Urlaubern so wichtig.

Ganz typisch Steinhude: Holzbrücken zum Flanieren, die Inselchen und Halbinseln verbinden.

Generell ganz typisch Steinhuder Meer (jedenfalls an der Nord- und Südküste): Segelhäfen mit Kränen, um die Boote ins Wasser zu setzen.
Im Hintergrund ist die künstliche Badeinsel von Steinhude zu sehen. Dort kann eine Familie ihr Bade-Basislager wahlweise auf Sandstrand oder Baumwurzeln aufschlagen.

Jetzt fehlt nur noch das Ostufer. Das sieht so aus. (Dieses Foto entstand, richtig, auf einem hölzernen Aussichtsturm.)

Und der Radweg am Ostufer sieht so aus. Birken! Unglaublich viele Birken!
Dieser Weg führt zurück zur Moorstraße.
Ich kenne keinen Seenradweg, der so viele Aussichtstürme, Holzstege, Holzhütten und Hinweistafeln hat.

Stege führen hinaus ins Lebendmoor und dorthin, wo einst Torf abgebaut wurde. Bis vor 50 Jahren waren hier rechteckige Löcher im Matsch, aus denen man Torfsoden stach. Mittlerweile ist etwas Gras über die Sache gewachsen. Im Sonnenuntergang leuchtet dieses Gras rot. Ein wenig sind die Löcher aber noch zu erkennen.

Danach wurde der Torf in solchen Kähnen abtransportiert. Die Leute nutzen den einst als Brennstoff. Um durch den Winter zu kommen, brauchte eine Familie etwa 10000 von den Dingern. Da musste also einiges gestochen werden.

Fazit: Wow! Das Steinhuder Moor, ähm, ich meine, Meer kann sich locker mit den Mecklenburger Seen messen. Viele übertrifft es sogar.