Sonntag, 4. April 2021

Harz: Von Seesen nach Bad Harzburg

Harz III: Der Nordwesten

Dieses eigentümliche Gebilde signalisiert uns, dass wir den Weg ab jetzt nicht mehr querfeldein suchen müssen. Es sieht aus wie eine moderne Bushaltestelle, ist aber eine Radstätte des Radwegs Deutsche Einheit von Bonn nach Berlin. Unter diesen Metallbögen kann man angeblich rasten, E-Bikes aufladen, Zeug im Spind einschließen und Infos über Seesen auf dem Touchscreen finden. Der Touchscreen zeigte irgendeine Error-Meldung. Damit funktionierte er immerhin besser der komplett schwarze, gesplitterte Bildschirm in der ähnlich aufgebauten Radstätte an der Fulda.

Ich habe eine Karte vom Radweg Deutsche Einheit günstig ersteigert, der Radweg deckt den gesamten Nordrand vom Harz ab. Der Europa-Radweg R 1 verkehrt auf derselben Strecke. Also folgen diesem Radweg jetzt erst einmal... nicht. Auf den langen Schlenker nach Bornhausen und zum Staatsforst Lutter (hinten links) hatten wir keine Lust, wo doch der Radweg so bequem an der Straße weiterführt.


Wir sehen heute mehr als genug Wald, und zwar am Harzrand. Heute finden wir einen Weg hinter die Bahngleise und können direkt neben den Bergen radeln. Anfangs ist der Weg noch direkt neben der Bahn und dementsprechend flach. Auch wenn die schizophrene Mischung aus kleinen Pflastersteinen und Asphaltinseln eher gewöhnungsbedürftig ist, hat uns die Strecke gut gefallen. Der Wald ist so richtig zugewuchert und verwildert, sodass mein Blick maximal einen Meter weit in den Harz vordringt. Aber immerhin ein sehr vielfältiger, grüner Meter!

Hier sollte keine Baustelle, sondern eine Brücke sein. Mist, dann eben außenrum.

Auf der Landstraße ist mir aufgefallen, wie die niedrigen Westharz-Hügel langsam in die Höhe wachsen. Wir nähern uns dem Nordharz, der anders aussieht.

Langelsheim ist ein bisschen gemein, langweilig und verursacht einen langen Hals. Irgendwelche Pflanzenteile schweben in der Luft, hüpfen in die Kehle und verursachen tierischen Husten. Hinter der niedrigen Stadtmauer ducken sich stille Fachwerkbauten. Das gastronomische Angebot beschränkt sich auf zwei Dönerbuden.

Hier kommt die Innerste aus dem Harz. Sie fließt über Hildesheim zur Leine.

In Juliushütte weisen die Wegweiser zum Granestausee. Mann, gibt es hier viele Staumauern. Ein Harzfluss muss einfach nur existieren, schon haben die Menschen ein Stauwehr hingebaut.

Unten führt der Weser-Harz-Heide-Radweg an der Straße durch den Vorort Astfeld. Oben führt der Radweg Deutsche Einheit und R1 auf einem Kiesweg durchs Feld - sicherlich die schöne Route, allzu steil ist die auch nicht. Der Radfahrer hat die Wahl - es sei denn, ein gesperrter Bahnübergang zwingt ihn, den oberen Weg zu nehmen.


Und damit wären wir in der möglicherweise bekanntesten und schönsten Harzstadt. Goslar hat einige richtig dicke, beindruckende Bauten, zum Beispiel den Zwinger, der Ferienwohnungen enthält. Um die Stadt zieht sich ein grüner Wall mit noch grüneren Teichen. Die Verteidigungsstrategie der Stadt bestand wohl darin, alle Feinde mittels Entengrütze abzuwehren.

Goslar wird von zahlreichen Menschen und Tieren bewohnt. Wir entdeckten unter anderem freilaufende Hühner am Stadttor. Offenbar werden hier Eier aus Freistadthaltung produziert.

Diese Ziegen werden mit Bratwurst gefüttert.

Goslar ist für seinen Weihnachtsmarkt Weihnachtswald bekannt, der als einer der schönsten Deutschlands gilt. Deshalb haben wir ihn schon vor der Radtour besucht und Spezialitäten wie Schneebälle (aus Teig) und Nönnchen mit Haube (Zimtlikör mit Sahne) probiert. Nur Backbananen gibt es leider nirgendwo in der Region - das ist wohl ein Privileg des Nordens.
Der Aufstieg auf den rechten Kirchturm wird ebenfalls angeboten und als "Himmelsleiter" vermarktet.

Wir sind erst spät hinaufgestiegen, als die Dämmerung schon eingesetzt hatte. Doch auch das hatte was.
Die meisten Weihnachtsmärkte haben irgendwo in der Mitte einen großen Weihnachtsbaum stehen, und vielleicht noch ein paar kleinere verteilt. Nicht so in Goslar. In Bezug auf die Bäume hat man es hier ein ganz klein wenig übertrieben und einen kompletten Platz randvoll mit riesigen Nadelbäumen zugestellt. Von oben sieht das so aus...

...und von unten so. "Falls ihr euch im Wald verlaufen solltet, haben wir da auch ein paar Buden hingestellt, damit ihr nicht verdurstet.", erklärte uns der Führer im Vistory (dazu gleich mehr).
Es sind aber wirklich nur ein paar Buden - der Großteil des Platzes wird von vielen, vielen Bäumen beansprucht. Und von vielen, vielen Menschen.

Hinter der Kirche führt eine schmale Straße entlang, die zu schmal für Autos und Fahrräder gleichzeitig ist. Nichtsdestotrotz haben die Goslarer jeden Meter mit einem Fahrradsymbol bemalt.

Und dort entdeckten wir dann unerwartet mehrere mehrdimensionale Kinos. Zum einen standen in einem Zelt einige 9D-Stühle, auf die wir uns mit VR-Brille setzten und eine virtuelle Achterbahnfahrt (inklusive plötzlich abbrechender Gleise und kurzer Flugeinlagen) machten. Dieses Zelt steht da wahrscheinlich nur während des Weihnachtsmarktes.
Ganzjährig geöffnet ist hingegen das Vistory im Obergeschoss eines Fachwerkhauses. Im Erdgeschoss befindet sich ein Restaurant. Vor dem Haus steht ein Mensch in Mönchskutte und wirbt mit "Da unten gibt's was für den Bauch, das nennt sich Ente, und da oben gibt's was für den Schädel, das nennt sich Geschichte!" Wer sich davon anlocken lässt, bekommt von diesem Mönch zunächst in einem Einführungsvortrag einige Weisheiten präsentiert: "Und denkt stets an die Devise dieser meiner Kirche: Ora et labora - beten und arbeiten sollst du! Doch ich selbst habe noch eine zweite Devise: Morgen ist auch noch ein Tag."

Nach einigen Figuren, die Hexenprozess und Ritterschlag darstellen (aus Lautsprechern kommen die entsprechenden Dialoge), wurden wir in den Kinosaal geführt, mit 3D-Brillen ausgestattet und auf bewegliche Sitze gesetzt. Und dann bekamen wir die Geschichte der Stadt komprimiert und dramaturgisch aufbereitet zu sehen.
Eines Tages schickte König Otto einen seiner Ritter los, um für ihn sein Mittagessen zu erjagen. Während der Ritter einen Hirsch erschoss, scharrte sein Pferd mit dem Huf einen Klumpen Eisenerz frei. Der Ritter brachte das Erz euphorisch zurück und vergaß den Hirsch. Wenig später war Goslar eine ultrareiche Bergbaustadt, die unter anderem den gesamten Bedarf Europas an Silber decken konnte.
Deswegen wurde die Stadt häufig angegriffen, aber die Angriffe wurden abgewehrt (mittels Entengrütze, schon verblüffend). Zwischendurch brannte sie auch mal zur großen Teilen ab, weil ein trotteliger Bäcker seine Ofentür offenließ.
Der reisende Kaiser des Heiligen Römischen Reichs verbrachte viel Zeit auf der Kaiserpfalz, die war am ehesten so etwas wie sein ständiger Wohnsitz.

Der Rammelsberg, in dem das Silber verborgen lag, ist in Nebel gehüllt.


Dieser Berg ist für sein Bergwerksmuseum bekannt.

Es lohnt sich aber, noch höher zu steigen.

Wir wollten auf den Gipfel und sind hinter der Straße zum Museum auf sehr steile Waldpfade gewechselt. In diesem Wald befindet sich ein Restaurant, das sehr kreativ mit Rauchern umgeht.

Das Highlight des Rammelsbergs ist die Klippe, die neben festen Felsen auch aus einer Menge grauem Geröll besteht. Sie bietet eine großartige Aussicht auf das in Herbstfarben strahlende Harzvorland Harzvorland, und höher muss man eigentlich gar nicht wandern. Darüber ist der Rammelsberg gesperrt.

Wir haben versucht, irgendwie hintenrum auf den Gipfel zu gelangen, wo es keine Verbotsschilder mehr gab. Während sich der Pfad immer mehr im Dickicht verlor, sind wir irgendwann auf dieser steilen Wiese herausgekommen, die möglicherweise der Gipfel ist oder zumindest in dessen Nähe. Oder auch nicht.
Gegenüber liegt der Herzberg, der unbekannter Gipfel von Goslar.


Der Herzberg liegt nicht bei der Stadt namens Herzberg am Harz. Möglicherweise wurde er absichtlich so genannt, um Reisende zu verwirren. Auf diesem Berg wachsen spitze graue Felsen, Moose und Blaubeeren.

Das ist der erste Wanderweg, den wir aus einem Buch namens Vergessene Pfade ausprobiert haben, und er wird dem Titel definitiv gerecht.
Dass dieser Weg vergessen ist, konnten wir auch daran erkennen, dass offizielle Wege, die in analogen und auch digitalen Karten zu finden sind, im wahrsten Sinne des Wortes derart abrupt abbrechen.

Auf dem grasbewachsenen Gipfel werden gelegentlich Bäume gefällt, Wanderer waren aber keine unterwegs. An einem Sonntag hatten wir den ganzen Berg für uns. Um eine Aussicht zu haben, mussten wir auf der anderen Seite wieder ein paar Meter abwärts laufen, bis die Berge wieder durch die ausgedünnten Reihen der Bäume schimmerten.

Hinter Goslar ist etwas ganz und gar Ungewöhnliches zu sehen: Ein See, der rund und nicht länglich ist, am und nicht im Harz liegt und kein Stausee ist. Unharziger geht es gar nicht!

Hier wagt sich ein asphaltierter Radweg deutlich höher in die Berge hinauf. Es wird steiler auf dem Weg nach Oker.

Oker ist ein Stadtteil von Goslar. Das Auffälligste an Oker sind die weißen Klippen, die in einer Reihe vor dem eigentlichen Gebirge aufragen, und direkt daneben ein paar große Bergbaudinger mit Schornsteinen, wo vermutlich Teile der Klippen abgebaut werden.

Es wird immer felsiger. Das hier sieht definitiv aus, als würde man an einem Mittelgebirge entlangfahren! Der Waldradweg führt uns ein Stück hinein ins Tal der Oker.

Auf der Hauptstraße geht es dann wieder raus. Die war zum Glück nicht so stark befahren.

Die Oker ist ein richtig großer Harzfluss und mündet bei Müden in die Aller. Weil es keinen Okerradweg gibt, kenne ich sie hauptsächlich von einer NDR-Doku. Laut NDR bietet die Oker einen Stausee mit der höchsten Schiffsrundfahrt Niedersachsens, Wildwasser-Kajak-Studenten, Stadtrundfahrten per Stand-Up-Paddling durch Wolfenbüttel, Stadtrundfahrten per Floß durch Braunschweig und ausgewilderte Lachse.
An dieser Stelle, wo die Oker den Harz verlässt, ist von all dem nix zu sehen, nur schwarze schwache Stromschnellen und ein kleines Wehr. Vermutlich hat der NDR diesen Bereich deshalb nur kurz per Google-Satellitenbild gezeigt.

Wir sind am Wald- und Gebirgsrand weitergefahren, obwohl der Weg jetzt aus schwarzem Schlamm bestand, der durch die regenreichen letzten Tage anhänglich geworden war und uns gar nicht mehr loslassen wollte.
Dieser Bach hier wird von Felsen eingerahmt, die eigentlich Schlacke sind, also unbrauchbares Zeug, das unten aus dem Hochofen raustropft.

Oh, ist das etwa einer dieser Haustierfriedhöfe? Nein, belehrte uns das Schild, es ist ein Abschiedswald. Das heißt, die Haustiere werden beigesetzt, Schild und Dekoration aufgestellt und dann übernimmt die Natur die Grabpflege, sodass der Wald wild bleibt. Was dem Wald sicherlich schwerer fällt, wenn die Deko für den geliebten Hund aus Plastikblumen besteht. Die Tiernamen reichen von Tonks bis BeHappy.

Ebenfalls direkt am Weg und noch sehenswerter ist das Cafe Goldberg. Die Aussicht ist wirklich umwerfend, der Kuchen selbstgemacht und die hiesige Wurst scheint, wenn man den Senioren am Nachbartisch glaubt, fast schon legendär zu sein.
Die Spendendose vom Harzverein für die Instandhaltung der Waldwege quillt über. So etwas habe ich auch noch nicht gesehen.

Irgendwann reicht es auch mit dem Wald, die ganz starken Steigungen an den Waldrändern der Städte haben wir umfahren. Bad Harzburg naht, also runter zur Straße! Dabei bin ich das erste Mal in meinem Leben durch eine Pferderennbahn geradelt. Wenn ein Rennen stattfindet, wird die Straße offenbar mit Zäunen gesperrt und in die Bahn integriert. Gerade war aber kein einziges Pferd unterwegs, nur jede Menge weiße Zäune (das universelle Symbol für Hier sind viele Pferde).
Auch die anderen Sportler von Bad Harzburg frönen in diesem Sportviertel ihren Sportarten. Radfahrer werden mal wieder stiefmütterlich behandelt, der Radweg an der großen Straße ist in einem miesen Zustand.

Bad Harzburg ist fast so groß wie Goslar, aber nicht so historisch, sondern eher eine Stadt der Kurparks und weißen Wellnesshotels.

Mit den vielen Bäumen ist es aber auch gemütlich. Durch Harzburg fließt die Radau. Sie rauscht tatsächlich relativ laut und macht ganz schön Radau.

So richtig interessant wird es im Wald hinter der Stadt. Dazu muss man nur ein kurzes Stück in den Wald eindringen. Wer auf Tuchfühlung mit den Spitzen der Bäume gehen will, kann über den Baumwipfelpfad latschten oder mit der Baumschwebebahn fahren.

Hat Harzburg denn eigentlich auch eine Harzburg? Wenn ich so auf die Karte schaue, lautet die Antwort: Sogar zwei! Die kleine Harzburg auf dem Kleinen Burgberg und die große Harzburg auf dem (sie habens erraten) Großen Burgberg.
Nun ja, die Wirklichkeit sieht doch etwas anders aus. Zuerst sind wir auf den Kleinen Burgberg gewandert, unter anderem durch die Ultimative Birkenschlucht (ja, ich habe ihr diesen Namen gegeben). Dort haben wir so ungefähr überhaupt keine Burg gefunden, nur ein Schild, das verriet, wo früher mal welcher Teil der Burg stand. 

Aber: Der Gipfel des Kleinen Burgbergs ist richtig toll.
Eine Regel im Harz lautet: Wenn du keine rundlichen Berge willst, sondern so richtige felsige Bergspitzen mit Gipfelkreuz (oder so was ähnlichem, hier ist es so ein Windmessding), dann wirst du am ehesten am Nordrand vom Harz fündig. Der Ilsestein bei Ilsenburg soll ja zum Beispiel auch so sein.

Der große Burgberg hat stattdessen so eine große Gedenksäule. Die erinnert an den Gang nach Canossa. (Da hatte der deutsche König Heinrich IV. 1076 im Machtkampf mit dem Papst eine Niederlage kassiert und musste gedemütigt barfuß vor der Burg von Canossa betteln, um wieder in die Kirche aufgenommen zu werden.) Als das deutsche Kaiserreich gegründet wurde, wollten Bismarck & Co. 1876 folgendes klarstellen: Nach Canossa gehen wir nicht (nochmal)!

Wieso aber steht dieses Denkmal ausgerechnet hier? Weil Heinrich IV. auch mal in der Harzburg gewohnt hat. Als die Sachsen während der Sachsenaufstände angriffen, entkam er über eine Wasserleitung, die fortan Sachsenrohr genannt wurde. Nein, das ist nicht diese Leitung auf dem Bild, die wäre zu eng für einen König. Dieses Sachsenrohr 2.0 baute ein cleverer Gastwirt und Unternehmer im 19. Jahrhundert an derselben Stelle in den Berg rein.

Hinter der Canossasäule stehen dann auch wirklich ein paar Reste der Harzburg: Eine Mauer, ein echt niedriger Turm, in dem die Burggeschichte als Comic dargestellt wird, und eine Brücke, die noch am beeindruckendsten ist. Vor der Brücke steht die neue Statue eines sächsischen Gottes. Das Original wurde von Karl dem Großen zerstört, der das christliche Gebot Du sollst keine komischen sächsischen Götter mit Fischen und Rädern haben neben mir. mittels Sachbeschädigung umsetzte. Um den Gott zu rehabilitieren, ist heute unter anderem ein Wanderweg nach ihm benannt.
Zu dieser Burg führt sogar eine Seilbahn hinauf.

In der am besten erhaltenen Harzburg von Harzburg befindet sich ein Gymnasium namens BURGY.

Samstag, 3. April 2021

Harz: Von Osterode nach Seesen

Harz II: Der Westen

Wenn man um ein Gebirge fährt, dann sind auf der einen Seite die Berge, logisch. Hier im Westen sind die ersten Ausläufer allerdings noch relativ niedrig. Man könnte sie auch noch Hügel nennen.

Auf der anderen Seite sind aber auch meistens irgendwelche Hügelketten, nur selten ragen die Berge direkt aus dem flachen Nichts auf. Und so kommt es, dass von unten nicht immer eindeutig zu erkennen ist, auf welcher Seite denn nun der Harz sein soll.
Die Osteroder Hügelkette sieht anfangs langweilig aus, doch mitten im hässlichen Gewerbegebiet am Ende der Stadt überrascht sie plötzlich mit weißen Klippen, die aussehen wie auf Rügen.


Diese Strecke hat ein paar Radwege, aber das sind ausschließlich diese zielstrebigen Wege neben der Hauptstraße, die eher für Alltagspendler als für Tourenradler gedacht sind. Das heißt nicht, dass es dort nicht auch manchmal schön sein kann. Nur die vorbeirasenden Autos dröhnen dabei halt immer im Ohr.

Dieser wehrhafte Kirchturm steht in Badenhausen.

Das Dorf Teichhütte sollte aktuell eher in Tankhütte umbenannt werden, denn die Fachwerk-Tankstelle ist die Galionsfigur dieses Ortes. Weil es so unglaublich heiß und alles andere geschlossen war, haben wir uns hier mit Eis versorgt.

Außerdem wachsen in Teichhütte wahrhaft gewaltige Flechten.

Bisher hatten wir den Wegweisern misstraut, da es aussah, als würden sie uns ziemlich tief in die Berge leiten. Das brachte uns aber nur auf unschöne Straßen (zum Beispiel ins Osteroder Industriegebiet). In Gittelde entschieden wir, diesmal zu vertrauen, und fuhren durch einen Brückenbogen.
Hier geht es hinein nach Bad Grund, die westlichste Stadt im Harz, und zu den Iberger Tropfsteinhöhlen. Da war ich bisher noch nicht, das wäre sicher auch mal einen Ausflug wert.

Aber heute sind eh alle Höhlen geschlossen, also biegen wir links ab.

Diese Strecke tatsächlich ein bisschen schöner. Die Straße, auf der wir gefahren sind, hieß übrigens die ganze Zeit über Thüringer Straße - egal wie oft wir abgebogen sind. Merkwürdig. Zumal wir überhaupt nicht in Richtung Thüringen fahren. (Irgendwann wurde sie dann doch abgelöst. Von der Nordhäuser Straße. Nordhausen liegt auch in Thüringen.)
An einer der zahlreichen Kurven entdeckten wir einen einsamen Bauernhof mit einem sehr seltsam geformten Baum auf dem Hügel.

Die meisten Fahrzeuge sind auch weiterhin auf der Nicht-Autobahn unterwegs, sodass wir die Thüringer Straße für uns hatten.

In Münchehof begann wieder ein Betonplattenweg an der Straße, aber mit einigen Büschen dazwischen. Deswegen war das der angenehmste Streckenabschnitt.

Wer einen Abstecher in die Berge unternehmen will, muss zunächst über die Eisenbahnschienen rüberkommen. Und das ist nicht so einfach, denn so gut wie alle Bahnübergänge sind gesperrt. Alle Feldwege und Nebenstraßen in Richtung der Berge enden an einer Sackgasse aus rotweißen Zäunen.

Unser heutiges Ziel Seesen begrüßt uns mit einigen Ruinen. Auf einem Turm ist zu lesen, das hier einst Eiernudeln produziert wurden. Kein Wunder, dass die Fabrik verfallen ist - Eiernudeln schmecken eklig.

Wie Sie sehen, sehen Sie Seesen! Viele kennen dieses Städtchen vom Umsteigen nach Braunschweig und wissen gar nicht, dass nur wenige Meter vom Bahnhof eine gemütliche begrünte Innenstadt wartet. Auch wenn die Häuser irgendwie irritierend niedrig sind. Als wäre eine normale Innenstadt plattgedrückt worden.

Die zwei interessantesten Orte in Seesen heißen beide Sehusa. In der Burg Sehusa verbirgt sich das Amtsgericht, in der Sehusa Wasserwelt ein kleines Spaßbad.


Innerer Harz: Von Osterode nach Langelsheim

Harz IIa: Der innere Westen

Das hier ist nicht der Harzrundweg, sondern der Weser-Harz-Heide-Radweg. Er verläuft mehr oder weniger parallel, aber schon richtig durch die Berge statt außenrum. Ich wollte einfach mal an einem Tag mit dem Rad quer durch ein Gebirge radeln, ohne ein Mountainbike, nur mit einem alten Schrottrad und bestenfalls mittelmäßiger Kondition. Das erschien mir ziemlich gewagt bis größenwahnsinnig. Also los!

Ich wollte dem Weser-Harz-Heide-Radweg durch den Westteil der Berge folgen. Also bin ich zuerst von Herzberg in die Innenstadt von Osterode geradelt. Da war es ja ganz schön, aber wo waren die Menschen? Alles war ausgestorben und geschlossen.
Ah, da sind sie ja alle. Wirklich alle. Die ganze Stadt scheint hier zu sein... verdammt, sind das viele... oje, ich muss absteigen.
Am Ortsausgang fand gerade der Stadt- und Waldlauf statt, zu dem sich sämtliche Einwohner versammelt hatten. Dieser Lauf sollte offenbar teilweise auf meiner Strecke stattfinden, wie ich den Absperrbändern und Schildern entnahm. Aber zum Glück war ich rechtzeitig da und man ließ mich noch durch.


Hinter den Menschenmassen geht es dann so richtig steil bergauf. Daran sind gar nicht so sehr die Berge schuld, sondern eine riesige grasbewachsene Mauer.

Sie begrenzt den Sösestausee. Der Radweg führt an seinem Ufer entlang und immer tiefer in die Berge hinein. Es stehen viele Bänke herum, um die Aussicht zu genießen.

Dann wird die Söse wieder schmaler. Nein, so schmal nun auch wieder nicht, das hier ist nur ein Straßengraben.
Ich fahre wieder einmal auf eine Straße.

Sie führt durch das Kaff Riefensbeek-Kamschlacken. Mein (aktueller) Radführer empfahl, sich hier mit Essen und Trinken zu stärken, denn danach soll eine längerer Durststrecke kommen. Allerdings waren die Restaurants geschlossen, verfallen oder hatten noch keine Saison. Eine Pension war auf Motorradfahrer eingestellt. Offenbar sind die meisten nicht so bekloppt, auf einem Rad ohne Motor hier hochzufahren.

Dann verlässt der Radweg die Straße. Er folgt der Söse und schraubt sich immer höher hinauf in die Berge.

Schließlich erreichte ich diese Stelle. Über mir befanden sich laut Karte die sogenannten Hammersteinklippen. Das klang durchaus sehenswert. Ich dachte, die Klippen könnte man vielleicht von unten sehen. Konnte man aber nicht. Ein Schild verriet mir, sie seien 1,1 Kilometer entfernt. Daneben führte ein steiler Pfad hinauf.
Naja, was solls, dachte ich, schloss das Rad an und stieg aufwärts.

Ich irrte eine Weile im Wald herum und entdeckte die Klippen nicht, dafür jedoch Schnee.

Irgendwann kam ich dann hoch oben an dieser Straße heraus. Verdammt! Jetzt war ich laut Karte oberhalb der Klippen. Hm, laut diesem Schild da geht es jetzt da lang zu den Klippen. Entfernung: 1,1 Kilometer. Na schön, dann wieder bergab.

Da sind sie ja! Die Hammersteinklippen bestehen aus einem Haufen spitzer Steine. Ihre Form muss den Namensgeber der Klippen wohl an Hammerköpfe erinnert haben. Ich bin lieber nicht auf den Steinen herumgeklettert. Von so einer Steinlawine möchte ich wirklich nicht begraben werden.
Einer dieser Steine (ich bin mir nicht sicher, welcher), ist der Sösestein. Unter ihm entspringt die Söse, der Fluss, dem ich hoch hinauf in den Harz gefolgt bin.
Nun musste ich wieder hinunter und raus aus dem Harz. Welchem Fluss soll ich diesmal folgen? Die Auswahl ist groß: Ganz in der Nähe liegen noch viele andere Quellen, zum Beispiel die Eisen- und Schwefelquelle. Und die Oker beginnt nicht weit entfernt.

Dieser Stein sieht aus, als sei er von einem sehr großen Hammer gespalten worden.

Zurück zum Radweg. Der schraubt sich noch weiter hinauf. Einige Motorsägen haben die Baumreihen ein wenig ausgedünnt und so für ein paar Meter eine fantastische Aussicht geschaffen.
Zwischen den Bäumen fließt Wasser in einem kleinen hölzernen Kanal. Was es wohl damit auf sich hat? Das sieht ja ganz neu aus.
Seltsamerweise war dieser Abschnitt des Weges nicht so anstrengend. Ich weiß nicht, woran das lag. Hatte der Anstieg ganz leicht abgenommen, sodass es mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist? Oder hatte sich meine körperliche Verfassung verbessert, obwohl ich Hunger hatte und die Wanderung ja auch durchaus anstrengend gewesen war?

Und wieder Straße! Moment, da soll es langgehen? Ich glaube, da hat jemand das Schild verdreht. Weil ich ein freundlicher Mensch bin, drehte ich es zurück.

Als nächstes streift der Weg den Ort Altenau. Endlich, ein Cafe! Etwas zu essen!
Zu früh gefreut: Das Cafe hatte zwar geöffnet, aber es herrschte geschlossene Gesellschaft, denn die Deutsche Bahn hatte alles für die Teilnehmer ihrer Bahn-Nostalgie-Reise gebucht.
Die Deutsche Bahn fährt auf diesen Reisen Leute mit dem Bus herum und zeigt ihnen historische Bahnstrecken, was mir ein wenig absurd erscheint. Schauen Sie mal, hier gab es früher eine Bahn und jetzt nicht mehr! Also war unser Angebot früher größer und wir sind quasi schlechter geworden! Toll, oder?

Solche historischen Strecken lassen sich doch viel besser nutzen, indem man darauf Fahrrad fährt. Die Züge damals wollten die Berge möglichst gerade und mit möglichst wenig steilen Stellen durchqueren und hatten damit ganz ähnliche Ansprüche wie ich.
Hier fuhr einst die Innerstetalbahn. Der Fluss da unten ist aber noch nicht die Innerste. Zunächst folgt der WHH-Radweg der Rotenbeek, dem Schwarzen Wasser und dem Hellertaler Graben.
Der Radweg und die Straße nutzen zwar im Prinzip dasselbe Tal, aber die Bahntrasse verläuft wesentlich höher. Der Verkehr da unten stört also überhaupt nicht.
Ganz typisch für diese Bahntrasse sind Brücken mit rostigen Gittern.

Aber aus irgendeinem Grund war die Bahntrasse trotzdem anstrengender als der Weg vorher. Dabei sah sie eigentlich nicht steiler aus.
Diese Steine haben früher bestimmt die Bahnlinie begrenzt.

Erschöpft und halb verhungert kam ich in Clausthal-Zellerfeld heraus und schlug mir im erstbesten Restaurant den Bauch voll. Danke, Restaurant Lucania!

Clausthal-Zellerfeld ist auf dieser Strecke die größte Stadt im Harz (also richtig in den Bergen, nicht am Harz) und hat eine extrem dicke Kirche, eine Technische Hochschule (früher eine Bergbauschule) und ein Bergbaumuseum. Die Stadt sieht ganz nett aus, aber die Orte am Gebirgsrand sind schöner.
Altenau, Clausthal-Zellerfeld, Lautenthal und die meisten anderen Orte waren alles Bergbaustädte und nennen sich auch noch so. Früher wurden hier Erz, Silber und Kupfer abgebaut. In Clausthal-Zellerfeld wird aber seit 1930 kein Bergbau mehr betrieben. Jetzt müssen sich die Orte von Touristen und Kurgästen ernähren.

Danach bieten sich dem Radler zwei Möglichkeiten. Der reguläre Weg führt laut Karte erst einmal nur noch bergab. Die Variante hingegen hat zwei Bergaufstellen und ist etwas abenteuerlicher, dafür gibt es dort noch eine kleine Sehenswürdigkeit zu sehen. (Das Asphalt hört bald auf.)

Gestärkt und motiviert entschied ich mich für die Variante und begutachtete den Spiegeltaler Wasserfall. Der Wasserfall verbindet zwei der Spiegeltaler Teiche. Das Flüsschen, das durch die Teiche fließt, heißt Spiegel.
Die Teiche sind ein Teil der Oberharzer Wasserwirtschaft, ebenso wie die hölzernen Gräben, die ich schon gesehen hatte. Das war ein System, das sich intelligente Bergleute ausgedacht hatten. Sie mussten das Wasser aus den Gruben rauspumpen und sammelten es dann zusammen mit Regen- und Flusswasser in einem System aus Teichen und Gräben. So hatten sie immer genug Wasser zur Verfügung und nutzen die Energie über Wasserräder, um Lasten und Menschen zu transportieren, noch mehr Wasser ins Freie zu pumpen oder in sogenannten Pochwerken das gefundene Roherz zu zerklopfen.
Die Gräben und Teiche, die es heute noch gibt, sind Weltkulturerbe und werden erhalten. Auch Gottfried Leibnitz, der berühmte Erfinder der Butterkekse des Dualsystems, hat sich viel im Oberharz aufgehalten und Sachen erfunden. Und der Oberbergrat Julius Albert hat sich hier 1834 das Drahtseil ausgedacht. Das scheint wirklich eine fruchtbare Region für Technikgenies zu sein.
Der Wasserfall ist mit fünf Metern nur halb so hoch wie der Lonauer Wasserfall in Herzberg. Dafür ist es ein "richtiger" Wasserfall, also das Wasser fällt richtig und fließt nicht nur über eine Schräge. Ich mag den Wasserfall, er ist irgendwie süß.

Die Bergstadt Wildemann sollte eher Stillemann heißen.

Hinter Wildemann geht es dann wieder auf die Trasse der Innerstetalbahn.
In Lauthental musste ich nochmal kurz auf die Straße, aber dann durfte ich zurück auf die Bahntrasse. Dort hat der Radweg einen ziemlich auffälligen Eingang (im Bild links). Da fühle ich mich direkt willkommen.

Diesmal ist die ehemalige Bahntrasse komplett asphaltiert, verläuft nicht ganz so hoch über der Straße und ist auch längst nicht so anstrengend.
Hier fließt tatsächlich die Innerste, die in der Nähe von Clausthal-Zellerfeld entspringt.

Trotzdem gibt es genau dieselbe spektakuläre Schlucht aus Felsen und umgestürzten Bäumen. Ein traumhafter Weg!

Beim Reinfahren ins Gebirge begleitete mich ein Stausee, und beim Rausfahren ebenso. Diesmal ist es der Innerstestausee. Kurz vor der Staumauer ist ein Ufo aus Beton im Wasser gelandet. Jedenfalls sah es so aus. Es wurde langsam dunkel und ich konnte es nicht mehr so gut erkennen (und noch schlechter fotografieren). In Wahrheit ist das ein Betontrichter, durch den das überschüssige Wasser abläuft. Das ist bestimmt ein interessanter Anblick, wenn man von oben reingucken könnte - was man aber nicht kann, selbst wenn zufällig einer der wenigen Tage im Jahr ist, wo der See überläuft.
Auf diesem Abschnitt bekam ich einige Regentropfen ab. Kein Wunder: Der Harz ist eine der regenreichsten Regionen Deutschlands. Das ist ja auch einer der Gründe, warum es so viele Talsperren gibt. Die Talsperren sind quasi die modernen Nachkommen der kleinen künstlichen Seen, die ich weiter oben gesehen habe.

Man könnte jetzt ganz gemütlich aus diesem Tal rausfahren und erst in Langelsheim außerhalb vom Harz rechts abbiegen. Aber nö, der Weser-Harz-Heide-Radweg sagt: Überquere noch diese steile Hügelkuppe nach Wolfshagen, bis ins Nachbartal. Da darfst du erst raus. Das ist kürzer. Na gut...
Ich hätte nun den Zug in Langelsheim nehmen können, aber ich hatte mir vorgenommen, es bis nach Goslar zu schaffen. Deshalb eilte ich in zunehmender Dunkelheit noch ein Stückchen außen am Harz entlang, um den letzten Zug in Goslar zu schaffen.